Kindersicherheit im Haushalt – woran man denken sollte

Juli 3, 2014 in Mami Initiative von admin

Es ist eine traurige Statistik: In Deutschland verunglücken jährlich 1,67 Millionen Kinder, darunter mehr als 537.000 im Haushalt und bei Freizeitaktivitäten. Somit gehören Unfälle wie Stürze, Verbrennungen, Erstickungs-und Ertrinken-Situationen zu den größten Unfallrisiken bei Kindern. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) „Mehr Sicherheit für Kinder“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau auf dieses Problem in der Öffentlichkeit verstärkt aufmerksam zu machen und initiiert jedes Jahr am 10. Juni den Kindersicherheitstag. Damit möchte die BAG zur Verhütung und Prävention von Kinderunfällen beitragen und das Bewusstsein für Unfallgefahren bei Jung und Alt stärken.

Motto des Kindersicherheitstags: “Plantschen. Baden. Schwimmen”

Das diesjährige Motto der Veranstaltung lautet „Planschen. Baden. Schwimmen. Sicher geht das!“ und hat die Zielstellung, Eltern für die Gefahren, die von Wasser ausgehen können, zu sensibilisieren. Denn Ertrinken, ob in der heimischen Badewanne oder in einem Gewässer, ist die zweithäufigste Unfallursache bei Kleinkindern, die zum Tode führt. Doch es gibt einige Maßnahmen, die Erwachsene ergreifen können und müssen, um Kinder vor Unfallgefahren im Haushalt zu schützen. Diese Maßnahmen beziehen sich sowohl auf die Erziehung der Kinder als auch auf die Produktverwendung und die Produktqualität der verwendeten Gegenstände im Haushalt. Da Kinder ihre Umwelt erforschen wollen und vieles ausprobieren, fehlt ihnen in vielen Situationen das nötige Gefahrenbewusstsein, welches ihnen Erwachsene aufzeigen müssen, damit eine möglichst sichere Umgebung für die Kinder hergestellt wird. Rundum hat in einer Infografik die wichtigsten Tipps zur Vermeidung von Unfällen bei Kindern zusammengestellt:
kindersicherheit_wohnzimmer_blank- Fenster und Türen mit Kindersicherung
– Steckdosen und Kabel
– Keine Tischdecke
– Glasscheiben mit Aufklebern/Sicherheitsglas
– Rutschsicherer Boden
– Kantenschutz

kindersicherheit_badezimmer_blank- Abschließbare Hausapotheke
– Elektrische Geräte außer Reichweiter ablegen
– Badewanne:
– Erst kaltes Wasser
– Wassertemperatur mit Thermometer prüfen
– Nie unbeaufsichtigt lassen
– Wanne/Dusche mit Temperaturregler (37°C)
– Wanne/Waschbecken nur in Anwesenheit befüllen
– Anti-Rutsch-Matte in Wanne/Dusche
– Abschließbarer Schrank oder Schranksperre
– Toilettenaufsatz oder Töpfchen anbieten

kindersicherheit_schlafzimmer_blank- Spielsachen in Reichweite
– Fenster/Türen Sicherheitsglas
– Schränke/Regale verankern
– Hochbett erst ab 6 Jahren
– Hochbett verankern
– Schutzgitter am Bett
– Im Bettchen kein Nestchen / Schlafsack / Kopfkissen / Kordeln oder Kuscheltiere- Stabile Tische und Stühle
– Kantenschutz

kindersicherheit_kueche_blank- Tür-/ Schubladensperre
– Abschließbarer Putzmittelschrank
– Putzmittel einschließen
– Kabelschutz
– Elektrogeräte außer Reichweiter
– Herdschutzgitter und Backofenverriegelung
– Brennbare Materialien nicht in die Nähe von Herd und Elektrogeräten
– Rauchmelder
– Steckdosenschutz
– Kantenschutz

Karoline Becker gibt im Interview Tipps zur Kindersicherheit

In einem Interview mit Frau Karoline Becker, Expertin auf dem Gebiet der Kindersicherheit und langjährige Presseverantwortliche der Bundesarbeitsgemeinschaft BAG „Mehr Sicherheit für Kinder“ wird noch einmal auf die möglichen Gefahren, die im Haushalt entstehen können, eingegangen und welche Maßnahmen Eltern hinsichtlich der Kindersicherheit im Haushalt ergreifen können.

Karoline Becker, studierte Medienpädagogin und Politikwissenschaftlerin, besitzt seit über 20 Jahren Erfahrungen in der Verbands- und  Agenturarbeit. Sie engagiert sich insbesondere in internationalen Jugend- und Sozialprojekten und arbeitet u. a im Pressebereich der BAG Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Zum Thema Kindersicherheit im Allgemeinen und im  Haushalt berät Karoline Becker Eltern, Lehrer und Erzieher und stellt ihre jahrelange Expertise zu diesem Thema zur Verfügung.

Was sind die häufigsten Unfälle bei Kindern im Haushalt bzw. worin liegen die größten Gefahrenquellen?

Becker: „Jährlich erleiden in Deutschland etwa 1,7 Millionen Kinder einen Unfall. Stürze sind mit über 50 Prozent in allen Altersstufen die häufigste Unfallursache. Aufgrund ihres schweren Kopfes stürzen Kinder unter fünf Jahren häufiger kopfüber und erleiden folgenschwere Verletzungen. Auch das Risiko, aus der Höhe zu stürzen, z.B. aus dem Fenster oder vom Balkon, ist aus diesem Grund bei Säuglingen und Kleinkindern am größten. Je älter die Kinder sind, desto eher verletzen sie sich bei Stürzen an peripheren Körperteilen, also Armen, Beinen, Händen oder Füßen, z.B. von Spielgeräten oder beim Laufen.“

Ihr diesjähriges Motto lautet „Planschen, Baden, Schwimmen – Sicher geht das!“ und die BAG möchte damit verstärkt auf die Gefahr von Wasser für kleine Kinder hinweisen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was Eltern im Badezimmer tun können, um ihre Kinder vor Gefahren zu schützen.

Becker: „Kinder lieben Wasser. Es lädt zum Spielen, Matschen, Springen, Baden oder Schwimmen ein. Diese eigentlich so schönen Beschäftigungen können für Kinder schnell zur lebensbedrohlichen Gefahr werden, wenn sie im Wasser in Not geraten. Kleine Kinder können bereits in wenige Zentimeter flachem Wasser ertrinken. Sie verlieren die Orientierung, sobald das Gesicht im Wasser ist, und sind hilflos. Ertrinkungs- und Beinahe-Ertrinkungsunfälle beim Baden und Planschen verhindern:

  • Kinder in der Badewanne nie unbeaufsichtigt lassen – nicht zwischendurch weggehen z.B. um die Haustür zu öffnen.
  • Badesitze sind kein zuverlässiger Schutz vor dem Ertrinken.
  • Planschbecken nach der Benutzung vollständig entleeren.
  • Verlassen Sie sich nicht auf Schwimmflügel und andere Schwimmhilfen. Sie gewähren keine ausreichende Sicherheit.“

Auch im Wohnzimmer, Küche und Flur lauern viele Gefahrenquellen, wie z.B. offene und ungesicherte Steckdosen oder Ähnliches. Haben Sie allgemeine Tipps, um einen Haushalt möglichst sicher zu machen?

„Tipps zur Unfallprävention für Wohnzimmer, Küche, Flur sind:

  • Kinderhochstuhl: Kinder stoßen sich von der Tischkante ab oder stellen sich im Stuhl auf. Deshalb: Stuhl kippsicher aufstellen und das Kind nicht unbeaufsichtigt im Stuhl lassen.
  • Möbel: Laufwege frei halten und scharfe, spitze Kanten mit einem Schutz versehen.
  • Schränke und Regale: Sie laden Kinder zum Klettern ein. Hohe Möbel daher fest an der Wand fixieren. Süßigkeiten und  Spielsachen nicht im obersten Fach „verstecken“.
  • Teppiche: Das Wegrutschen, z.B. durch Anti-Rutsch-Streifen verhindern.
  • Streichhölzer: Kinder nicht mit Feuer, z.B. brennender Kerze, im Raum alleine lassen. Die Gefahren mit Feuer erklären und den Umgang mit Streichhölzern gemeinsam üben.
  • Alkohol, Zigaretten: Beides für Kinder unzugänglich aufbewahren. Reste nicht offen stehen lassen.
  • Strom: Elektrokabel, Lichterketten und Hitze entwickelnde (Halogen-)Leuchten regelmäßig auf ihre Funktion und auf schadhafte Stellen kontrollieren und ggfs. austauschen.
  • Balkon und Fenster: Keine Stühle, Kübel o.ä. in unmittelbarer Nähe aufstellen, da sie zum Klettern animieren. Fenster- und Türgriffe mit Sicherungen ausstatten. Querstreben des Balkons gegen ein Erklettern absichern.
  • Kochen: Kinder beim Kochen altersgemäß beteiligen oder ihnen eine andere Beschäftigung anbieten, z.B. eine Kiste mit Plastikutensilien.
  • Tischdecken: Säuglinge und Kleinkinder ziehen an Tischdecken. Dadurch kann es zu schweren Verbrühungen, Verbrennungen und Kopfverletzungen kommen, z.B. durch heiße Flüssigkeiten, Kerzen und Vasen.
  • Wasserkocher, Kaffeemaschine, Bügeleisen, Fritteuse etc.: Alle Elektrogeräte außerhalb der Reichweite von Kindern aufstellen, Kabel niemals herunterhängen lassen.
  • Herd und Ofen: Pfannenstiele nach hinten drehen, Herdschutzgitter und Backofenfenster-Schutz anbringen.
  • Messer und Schneidemaschinen: Scharfe Messer nicht offen liegen lassen und Schneidemaschine absichern. Tür der Spülmaschine geschlossen halten.
  • Reinigungs-, Putz- und Lösungsmittel: In abschließbarem Schrank lagern, die Mittel können zu Vergiftungen und Verätzungen führen.
  • Glatter Boden: Spritzwasser und Fett können den ohnehin schon glatten Bodenbelag zur Rutschfalle werden lassen.“

Wie entscheidend ist die Qualität von Produkten in Hinblick auf die Kindersicherheit und was halten Sie von Prüf- und Gütesiegeln? Welche zertifizierten Siegel gibt es in Deutschland im Bereich Kindersicherheit?

Becker: „Um Kinder vor Gefahren zu schützen, setzen die meisten Eltern zu Hause auf altersgerechte Sicherheitsprodukte wie Steckdosenschutz und Kindersicherungen sowie die sichere Aufbewahrung gefährlicher Gegenstände. Der Kauf von zertifiziertem Spielzeug hat für die meisten Eltern dagegen keine hohe Priorität. Nur etwa ein Drittel der Eltern kauft bewusst Produkte mit einem Prüfsiegel, das Qualität und Sicherheit garantiert. Dabei leisten Gütesiegel einen wichtigen Beitrag zur Produkt- und damit zur Kindersicherheit. So steht zum Beispiel das GS Zeichen für die geprüfte Sicherheit von Produkten auf Basis des Produktsicherheitsgesetzes und den relevanten Richtlinien. Hat ein Produkt das Siegel einmal erhalten, wird es regelmäßig kontrolliert. Die CE-Kennzeichnung, die in der EU gesetzlich vorgeschrieben ist, dient in erster Linie als „Reisepass“ für die Einführung eines Produktes auf dem europäischen Markt. Mit ihr erklärt der Hersteller, dass das Produkt die in der EU gültigen Anforderungen erfüllt.“

Warum passieren gerade im Zusammenhang mit Wasser so viele Unfälle bei Kindern? Haben Kinder einen anderen Bezug zu Wasser oder worin liegen die Gründe hierfür?

Becker: „Unfälle sind die häufigste Todesursache für Kinder zwischen null und 15 Jahren. Ertrinkungsunfälle führen bei Kindern deshalb zum Tode, weil die Spanne zwischen Leben und Tod sehr kurz ist. Nur wenige Sekunden, in denen ein Kind am oder im Wasser unbeaufsichtigt ist, können über sein Schicksal entscheiden. Die richtige Einschätzung von drohenden Gefahren und der Fähigkeiten der Kinder, kann lebensrettend sein.“

Gefällt euch der Beitrag? Welche Vorkehrungen trefft ihr, um eure Kinder zu schützen? Sagt es uns in einem Kommentar.

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Liebe Leserinnen und Leser, diesen Beitrag durfte ich im Auftrag von www.otto.de teilen und möchte damit erneut auf die Gefahren im Haushalt aufmerksam machen. Als Dozentin für Kindersicherheit und Unfallverhütung, ausgezeichnet durch die BAG in Bonn, bin ich immer schockiert, wie viel im Haushalt passieren kann mit Babies und Kleinkindern. Ich freue mich daher sehr, wenn Ihr den Bericht lest, teilt und natürlich die Ratschläge von Otto/rundum und mir befolgt :)

Lieben Gruß
Eure Kathrin